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An-Dominique Schmidt: Abschied in B-Dur

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An-Dominique Schmidt

Abschied in B-Dur

Ein Leben an den Tasten

124 Seiten / Hardcover.
Euro 16,80 (D) / Euro 18,00 (A)
ISBN 978-3-932976-95-7

In 24 Kapiteln – entsprechend den 24 Dur- und Molltonarten – zeichnet An-Dominique Schmidt in diesem Buch facettenreich das Porträt einer betagten Pianistin nach, die sich an ihre Kindheit, ihren Werdegang und manchen Auftritt erinnert und sich fragt: Habe ich immer alles richtig gemacht?

Dem Konzertpodium bleibt sie mittlerweile fern, hält aber am Flügel immer noch Zwiesprache mit Bach, Beethoven, Schubert und Chopin, die von den Wänden zuschauen und eines Tages plötzlich das Wort an sie richten.

Der Autorin gelingt es, einen mitfühlenden Blick auf eine Künstlerin fernab der Bühne zu werden, der den Leser nachdenklich stimmt.

 

Leseprobe:

Zwölf Sekunden

Frische Luft ist gut für das kindliche Immunsystem, glaubte
die Mutter, und stellte ihr Baby viele Stunden warm einge
packt auf die Terrasse, wo sein Gehirn abwechselnd in Wach
zustand und seligem Halbschlaf Musik aufnahm. Später erzählte
ihre Mutter, sie oft mit weit aufgerissenen Äugelchen vorgefun
den zu haben, lauschend, was Herr Wellendorff, der Rentner im
Nachbarhaus, auf seinem Klavier zustande brachte.
Sobald das Baby mobil wurde, krabbelte es in die Ecke zu dem
großen Kasten, aus dem so wundersame Töne kamen, einem
bescheidenen Manthey Klaviano, neunzig Zentimeter hoch, 137
Zentimeter breit, auf dem ihre Mutter manchmal Stücke aus
dem „Klavierbüchlein für Anna Magdalena Bach“ spielte. Kurz
nach ihrem ersten Geburtstag gelang es der Kleinen, sich an dem
Klaviano hochzuziehen, was in einen Heulanfall endete, weil sie
nicht an die Klaviatur herankam.
Mit zweieinhalb Jahren erreicht sie endlich die Tasten, probiert
und probiert, findet heraus, dass sie nach rechts höher klingen
und nach links tiefer, dass sie sich lauter anhören, wenn man sie
schnell, und leiser, wenn man sie langsam anschlägt, und dass es
schön klingt, wenn man zwei drückt, zwischen denen eine an
dere liegt, entdeckt also die Terz, die sie sogleich voller Eifer auf
der gesamten Klaviatur ausprobiert. Spürend, dass die Terz nicht
immer gleich schwingt, manchmal heiter (die große Terz),
manchmal wehmütig (die kleine Terz), erobert sie sich Dur und
Moll.

Bei dieser Beschäftigung vergisst sie alles um sich herum, ist
ganz fokussiert auf die Klänge in ihrem Ohr, gerät schon in frü
hester Kindheit in jenen Flow, der sie beim Klavierüben ein
Leben lang begleiten wird. Dass ihre Tochter viele Stunden über
die Klaviatur gebeugt auf Entdeckungsreise geht und wie aus
einem Traum erwacht, wenn man sie anspricht, registrieren die
Eltern, denken sich nichts dabei, halten es für eine Marotte. Wird
schon vorübergehen.
Von den Großeltern, die zu Besuch sind, heimst sie über
schwänglichen Beifall ein, nachdem sie ihnen die kleinen Melo
dien vorspielt, die sie im Kindergarten gelernt und sich nach
Gehör beigebracht hat.
Sie ist fünf Jahre alt, als ihre Mutter vor der Haustür die vollen
Einkaufstüten absetzt, um nach ihrem Hausschlüssel zu kramen
und Klavierspiel hört. Nichts Besonderes, ihre Tochter sitzt ja
ständig an den Tasten. Was sie heute vernimmt, verblüfft sie je
doch über die Maßen: das Menuett in G-Dur aus dem Noten
büchlein für Anna Magdalena Bach. Leise betritt sie den Flur,
stellt ihre Einkaufstaschen ab, lauscht bis zum Ende des Stücks
… fehlerlos! Am Abend beschließen die Eltern, einen Klavier
lehrer oder eine Klavierlehrerin zu suchen. Muss wohl sein.
Steht eine Fermate, ein Halbkreis mit einem Punkt darin, über
einer Note oder einer Pause, ist die Note oder die Pause nach
musikalischem Gefühl über ihren Wert hinaus anzuhalten. Im
238. Takt des ersten Satzes der Appassionata, der leidenschaft
lichsten Sonate Ludwig van Beethovens, findet sich eine Fermate
über einem C7, einem Akkord, der in die Grundtonart zurück
führt. Jeder Spieler, der sich an den Urtext hält, verharrt eine ge
wisse Zeit auf diesem C7, bis der erste Satz der Appassionata in
einem furiosen Finale endet. Im Durchschnitt vier Sekunden

halten Pianisten den C7 wegen der Fermate länger aus, als vom
eigentlichen Notenwert vorgegeben.
Sehr viel länger als vier Sekunden bleiben ihre Finger an die
sem Abend liegen, lange zwölf Sekunden verharrt der fünfte
Finger links auf C, der erste, zweite, fünfte rechts auf G, B, E.
Im gutbesuchten Konzertsaal.
Mit più Allegro (einiges schneller) und ff (sehr laut) geht es in
der Appassionata eigentlich weiter, aber heute Abend geht es
weder più Allegro, noch ff weiter, während die Dame im roten
Kleid und den hochtoupierten Haaren in der ersten Reihe fra
gend den Kopf zu ihrem Mann dreht, der alte Herr in der 12.
Reihe geräuschvoll sein Programm fallenlässt, immer mehr Hus
ter zu hören sind, sich jemand ziemlich laut die Nase putzt, Füße
übers Parkett scharren und die Spannung steigt, während die Pia
nistin auf der Bühne keinen Finger rührt – ihr ist der Notentext
nach dem C7 mit der Fermate entfallen. Vor mir die goldene Schrift
Steinway & Sons. Rechts der vollbesetzte Saal. Der Kopf plötzlich voll
kommen leer. Jahrzehntelang auf dem Podium nicht passiert. Ich muss diese
acht Sekunden verdrängen, darf nicht mehr so oft daran denken …
Endlich findet die Pianistin wieder hinein, bringt den ersten
Satz der Appassionata unfallfrei zu Ende, ebenso den zweiten
und dritten. Am Schluss wohlwollendes Klatschen, sie verbeugt
sich gemessen, war irgendwas? Aber als sie sich zur Zugabe
nochmal an den Flügel begibt, ist ihr Entschluss gefasst.
Im Restaurant unterhält sie sich nach ungewohnten drei Glä
sern Rotwein seltsam aufgedreht mit dem Veranstalter und der
Frau von der Agentur, die für den Abend extra aus Bonn ange
reist ist, und in einem Restaurant unter der Voraussetzung, dass
alle das gleiche essen würden, noch für 22.30 Uhr ein Menü or
ganisiert hat. Bei Carpaccio vom marinierten Lachs, Kalbsbäck-

chen in Madeira mit leicht temperierten Kartoffelsalat, Fondant
au Chocolat und einem erdigen roten Franzosen werden die acht
Extra-Sekunden mit keinem Wort erwähnt. Fünf Tage später er
hält die Agentin, die das späte Souper möglich gemacht hatte,
ein Einschreiben: die fristlose Kündigung ihrer langjährigen
Klientin.
Auch in einem langen Telefongespräch ließ sich die Pianistin
nicht umstimmen, überwies stattdessen umgehend die Vertrags
strafe für 17 abgesagte Auftritte. Ihren Entschluss besprach sie
nicht mit ihrem Bruder, mit dem sie alle paar Wochen telefoniert,
nicht mit der verwitweten Lehrerin, die ein paar Häuser weiter
wohnt, und auch nicht mit Willem, dem holländischen Dirigen
ten, mit dem sie sich nach einer Affaire vor 21 Jahren immer
noch schreibt.
Einen Mann in ihrem Leben hat sie wirklich geliebt, ihn gerne
angeschaut. Als das mit dem Architekten noch frisch war, saß
er oft im Publikum, fühlte sich geschmeichelt, der Gefährte einer
Pianistin zu sein. Durchaus ein Ohr für Musik, diskutierte er mit
ihr Konzertprogramme, begleitete sie sogar in die Oper. Nach
einem Jahr zogen sie zusammen, sparten vier Jahre, bis sie genug
Eigenkapital für eine Immobilie hatten.
Die Einrichtung in ihrem Reihenhaus lag beiden am Herzen,
und noch mehr verband sie ihre körperliche Anziehung. Sie ließ
sich gern gefallen, dass er ihr bei jeder Gelegenheit unter den
Rock fasste und kochte mit Freude für ihn, weil er stets genoss,
was sie auf den Tisch brachte. Sie bekamen keine Kinder und
heirateten nie. Schließlich war sie schon verheiratet: mit Johann
Sebastian, Ludwig, Franz und Frédéric.
Mit der Zeit kam der Architekt nicht mehr in ihre Konzerte.
Niemals machte er ihr Vorhaltungen wegen ihres vielen Übens

und ihrer häufigen Abwesenheit für die Konzertreisen. Aber da
war immer öfter sein betrübter Blick, wenn sie sich auch am Wo
chenende stundenlang in den Keller zurückzog oder ihm die
Termine ihrer nächsten Konzertreisen mitteilte. Als sie ent
deckte, dass er sie regelmäßig betrog, wenn sie unterwegs war,
sagte sie kein Wort. Der Sex mit ihm war eine Weile so gut wie
nie. Bis sie sich abrupt trennte. Nachdem sie sich finanziell aus
einanderdividiert hatten, brach sie jeglichen Kontakt mit ihm ab
und reagierte auf keine seiner Nachrichten. Und litt selbst am
meisten darunter.

 

 

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